Der Alltag mit einem tauben Hund


Vorurteile und Grenzen im alltäglichen Miteinander


1. Allgemeine Vorurteile

Die bekanntesten Vorurteile tauben Hunden gegenüber sind so falsch wie sie auch ungerechtfertigt sind. So gelten taube Hunde als unerziehbar, unberechenbar und bissig.

Obwohl diese Vorurteile längst widerlegt sind, lassen viele Züchter auch heute noch taube Welpen einschläfern, da sie wohl zum einen eine ''Schande" für die Zuchtstätte darstellen könnten und zum anderen als unverkäuflich angesehen werden. Aber es gibt natürlich auch verantwortungsvolle Züchter, die den Tierschutz um Vermittlungshilfe für ihre taube Welpen bitten.


2. Vorurteile anderer Menschen

Im täglichen Leben sieht dies alles natürlich völlig anders aus. Da man einem tauben Hund seine Einschränkung nicht ansieht, gibt es spontan zuerst auch keinerlei Vorurteile.

Es ist natürlich unser Anliegen, dass die Leute mitbekommen, dass unsere Hunde taub sind. Nur so können wir Gespräche führen und nur so können unsere Hunde beweisen, dass taub zu sein nichts Schlimmes ist.

So tragen wir bei Spaziergängen häufig T-Shirts oder Sweatshirts mit entsprechenden Aufdrucken, z.B. Tauber Hund - na und??? Auch die Hunde haben die Möglichkeit durch die Logos auf den K9 Geschirren auf sich aufmerksam zu machen. Die Reaktionen der Leute auf die Aussage, dass der Hund taub ist, sind sehr unterschiedlich und lassen sich wie folgt grob zusammenfassen:

"Oh der arme Hund"
"Och, das hätte ich jetzt nicht gedacht"
"Das ist ja furchtbar"
"Meiner ist auch taub, aber der ist alt. Ihrer ist doch noch so jung ..."
"Und wie geht das mit einem tauben Hund, kann man den erziehen?"
"Ach, deswegen schaut der Hund sie ständig an"
"Das wäre nichts für mich. Ich möchte, dass mein Hund meine Stimme hört ..."

Nicht immer sind die ersten Reaktionen nur positiv, aber Gespräche und vor allem kleine Demonstrationen (z. B. Gehorsamsübungen) bringen in den meisten Fällen einen Umschwung. Interesse zeigen nicht nur Hundebesitzer, sondern auch Spaziergänger, die mit offenen Augen durch die Welt laufen. Die Erfahrung zeigt, dass die Akzeptanz und das Verständnis bei älteren Menschen meist größer ist als bei jüngeren.

Interessant ist auch, dass Taubheit und Blindheit bei alten Hunden als "normal" und deswegen als nicht schlimm angesehen werden, der gleiche Zustand aber bei jungen Hunden anfangs als dramatisch empfunden wird.


3. Reaktionen auf unsere Hunde

In der menschlichen Natur liegt es, dass alles, was niedlich und kuschelig aussieht, liebkost und gestreichelt werden muss. Dieses Phänomen kennt jeder Hundebesitzer zur Genüge. Aber nicht jeder Hund lässt sich von Jedem anfassen.

Die gleichen Probleme haben natürlich auch Besitzer von behinderten Hunden - vielleicht sogar noch ein wenig mehr, da Mitleid hinzukommt und dadurch scheinbar das Bedürfnis größer ist, den Hund mal eben streicheln zu wollen.

Ein tauber Hund unterscheidet sich in einer solchen Situation nicht von einem ''normalen'' Hund. Es sieht die Person und wird je nach Sympathie signalisieren, ob er gestreichelt werden möchte oder nicht. Es ist dann unsere Aufgabe dafür zu sorgen, dass seine Signale richtig interpretiert werden. Ganz wichtig ist, dass sich niemand von hinten nähert und ihn spontan berührt. Dieses führt unter Umständen dazu, dass der Hund sich erschreckt. Einige Hunde stecken einen solchen Schrecken besser weg als andere. Auch können - wie auch bei uns Menschen - die Reaktionen unterschiedlich ausfallen. Diese Situationen müssen auf jeden Fall stets vermieden werden.

Taube Hunde achten verstärkt auf die Körpersprache der Menschen und deswegen ist es unverzichtbar, dass wir mit offenen Augen nicht nur unsere Hunde beobachten und einschätzen, sondern auch die Menschen, die mit uns in Kontakt treten.

Es ist unsere Aufgabe zu verhindern, dass der Hund in eine Situation gebracht wird, die für ihn puren Stress bedeutet.

Viele taube Hunde haben aufgrund ihrer Einschränkung eine wahre Odyssee hinter sich und haben zum Teil schon sehr fragwürdige Erziehungsmethoden ''genossen'', die tiefe Spuren hinterlassen haben. Unsere Hunde vertrauen uns, und dieses Vertrauen dürfen wir nicht enttäuschen.


4. Räumliche Grenzen

Räumliche Grenzen im Haus gibt es für taube Hunde eigentlich nicht.

Sie nehmen wie auch ihre hörenden Artgenossen ihre Umwelt wahr.

Es sollte für jeden Hundebesitzer selbstverständlich sein, Gefahrenquellen im Haus zu sichern, denn in einem ''Hunde- und Kindersicheren'' Zuhause drohen einem tauben Hund nicht mehr oder weniger Gefahren als einem ''normalen'' Hund.

Die einzige Einschränkung ist natürlich, dass man ihn nicht mal eben so rufen kann, sondern man muss sich stattdessen öfters mal zum Hund hin begeben.

Einfacher kann es sein, wenn noch weitere (hörende) Hunde im Haus leben. Der Rudeltrieb und die Neugier wird in der Regel den tauben Hund motivieren zu folgen.


5. Gefahren im Haus und draußen

Wie bereits erwähnt liegt es an uns, die Gefahren im Haus zu minimieren und somit dem Hund ein sicheres Umfeld zu bieten.

Auch draußen sind wir verantwortlich, dass unserem Hund nichts passiert und auch dass keine anderen Menschen oder Tiere zu Schaden kommen.

Grundvorausetzung für den Freilauf eines tauben Hundes ist natürlich eine gute Erziehung, Zuverlässigkeit und ein sehr gutes enges Vertrauensverhältnis zwischen Hund und Halter.

Eigentlich wieder nicht viel anders als bei hörenden Hunden ...


Halten wir uns mal die Gefahren draußen vor Augen und vergleichen einen hörenden und tauben Hund:

1. Straßenverkehr

Jeder verantwortungsbewusste Hundehalter führt hier seinen Hund an der Leine. Weder der hörende noch der taube Hund wird wissen, wann er über die Ampel gehen darf Hunde und Kinder sind unberechenbar und können jederzeit plötzlich durchstarten. Auch darf bezweifelt werden, dass Hunde und Kinder die wirklichen Gefahren im Straßenverkehr abschätzen können.

Sollte der Hund in einer solchen Situation nicht angeleint sein, hat man rein theoretisch bei einem hörenden Hund zumindest noch die Chance zu versuchen, ihn durch lautes Rufen von seinem Vorhaben abzubringen. Hier wäre die Taubheit eine wirkliche Grenze.

2. Wald und Flur

Wo es keine generelle Anleinpflicht gibt (oder eine solche zur Brutzeit) besteht die Möglichkeit, den Hunden Freilauf zu gönnen. Jeder Freilauf setzt natürlich auch Rücksichtsnahme voraus, nicht nur den Tieren gegenüber, die dort heimisch sind, sondern auch Mitmenschen und anderen Hunden muss mit Respekt und Anstand begegnet werden. Auch hier ist die Zuverlässigkeit des Hundes Grundvorausetzung.

Ein tauber Hund, der sich im Wald selbstständig sehr weit entfernt, kann im Gegensatz zu einem hörenden Hund nicht durch Rufen in den höchsten und süßesten Töne wieder zurück gelockt werden.

Ob Hunde, die einen starken Jagdtrieb haben abgeleint werden können, liegt in der Verantwortung eines jeden Hundehalters. Hier gibt es zwischen hörenden und tauben Hunden keinen Unterschied - beide ignorieren unter Umständen ihre Menschen, um sich der Jagd zu widmen.

3. Freie Flächen (große Weiden und Wiesen)

Ein solches reizarmes Umfeld ist der geeignete Ort um Hunden die Möglichkeit zu bieten, sich ohne Leine auszutoben. Hier finden sich auch die besten Voraussetzungen, um den Freilauf (nicht nur) mit tauben Hunden zu üben. Wir dürfen nicht vergessen, kein Pfiff und kein Rufen wird von ihm wahrgenommen.

Auch das in höchsten Tönen gezwitscherte Zauberwort ''Leckerchen'' als letzte Resource kommt beim tauben Hund natürlich nicht an. Der ständige Sichtkontakt zwischen dem tauben Hund und dem Halter die wichtigste Versicherung für eine unbeschwerte Zeit im Freilauf.