Konflikte


Konfliktsituationen, die durch die Taubheit entstehen können



1. Unkenntnis über die Taubheit

Taube Hunde können ihre Einschränkung perfekt kompensieren. Häufig merken es noch nicht einmal die eigenen Besitzer über einen längeren Zeitraum, sondern wundern sich über die angebliche Sturheit und den Dickkopf ihres Hundes.

Fälle, in denen taube Hunde im Tierheim landen, weil die Besitzer nicht mehr mit ihnen fertig wurden oder schlicht und ergreifend keine Lust mehr hatten, sind leider nicht selten. Oft wird dann erst in den Tierheimen festgestellt, dass der Hund taub ist.

Dass das gemeinsame Leben aus dem Ruder gelaufen ist liegt aber nicht daran, dass der taube Hund schwieriger und unerziehbarer ist als ein hörender Hund, sondern daran, dass er nicht seinen Bedürfnissen entsprechend ausgebildet wurde.

Es sollte eigentlich die Aufgabe eines jeden Hundebesitzers sein, seinen Hund aufmerksam zu beobachten. Sollte die Vermutung im Raum stehen, dass der Hund eventuell (akustisch) nicht hört sollte man sich kurzfristig an kompetente Ansprechpartner wenden, z.B. als ersten Schritt den Tierarzt seines Vertrauens ansprechen. Auch die Kontaktaufnahme zu einem guten Hundetrainer wäre ein Schritt in die richtige Richtung.

Viel Schlimmes - vor allem für den Hund - könnte im Vorfeld verhindert werden, denn die Erziehung eines tauben Hundes ist genauso einfach oder schwierig, wie die eines hörenden Hundes - halt nur ein wenig anders.

Die Konsequenzen für den Hund nach vergeblichen ''Erziehungsversuchen'' mit eventuellen Wutausbrüchen inklusive körperlicher Gewalt seitens der Halter können sehr tiefe Narben und bleibende Trauma verursachen.


Fallbeispiel

Lissy, Kooiker-Hondje Mix, geb. Februar 2000, von Geburt an beidseitig taub. Sie wurde 2001 völlig verängstigt und übergewichtig im Tierheim Lingen von ihren Besitzern abgegeben.

Das Tierheim musste mit viel Liebe und Geduld sehr viel Aufbauarbeit leisten, um sie wieder ins normale Leben zu integrieren. Seit September 2001 ist sie nun in unserer Familie. Viele Ängste haben wir im Laufe der Jahre gemeinsam abbauen können, aber einige seelische Wunden sind so tief, dass wir akzeptieren müssen, dass sie Lissy für den Rest des Lebens begleiten werden. Wir können nur versuchen, die Auslöser so gut es geht zu vermeiden.

1. Lissy hat sehr große Angst vor Gegenständen, die geworfen werden (z.B. Bällchen usw.). Sie duckt sich, legt sich flach auf den Boden und dreht sich bei Augenkontakt sofort ängstlich auf den Rücken. Wir vermuten, dass ihr ständig Dinge in den Rücken geworfen wurden, weil sie nicht (auf Kommandos) hörte. Bedauerlicherweise scheint es keine seltene Empfehlung von Hundetrainern zu sein, Schlüssel, Schellen oder ähnliche geräuschintensive Dinge dem Hund hinterher zu werfen, um seine Aufmerksamkeit zu erlangen. Dieser Gegenstand sollte zwar neben dem Hund landen, aber oft genug wird dabei der Hund versehentlich getroffen. Wut und Ungeduld könnten durchaus ein Motivator sein, den Hund bewusst zu treffen. Gesteuert durch Wut könnte dies durchaus auch schwungvoller geschehen und dem Hund neben dem Schrecken auch Schmerzen zufügen.

2. Lissy hatte eine Verdickung im Kehlkopfbereich, die laut Laborbericht von einer Verletzung herrühren kann. Diese Verdickung ist mittlerweile operativ entfernt worden. Auch hustet sie bei Berührung in dieser Halsregion, welches aus tierärztlicher Sicht ein Hinweis auf eine Kehlkopfquetschung ist. Als mögliche Ursache für diese Verletzung wird heftiges Leinenrucken beim Tragen eines Halsbandes vermutet.

3. Lissy reagiert sofort mit unterwürfigen ängstlichen Gesten, wenn die menschliche Körpersprache und Mimik schlechte Stimmung signalisiert. In jeder Familie wird mal gestritten, das ist ganz normal, aber für Lissy ist dies die Hölle. Neben ihrer Reaktion auf Streit zeigt sie auch in anderen, weitaus harmloseren Situationen, dass ihr körperliche Gewalt nicht fremd ist. Als Beispiel seien schnelle Bewegungen mit Armen und Füßen zu nennen sowie strenges Anschauen nach einer ''Schandtat''.

4. Lissy hat Angst vor den jüngeren Männern und Männern mittleren Alters. Diese Angst löst bei ihr den Wunsch der Verteidigung aus, bedeutet: sie geht recht schnell in den Angriff über. Auch diese Angst ist tief verwurzelt, aber im Laufe der Jahre haben wir geschafft sie davon zu überzeugen, dass nicht jeder Mann ''böse'' ist. Da es kein bestimmtes Feindbild gibt und wir von daher nicht zuverlässig vorausschauend agieren können, ist ihr Freilauf leider etwas eingeschränkt. Aber auf gut überschaubaren Wiesen kann sie diesen natürlich genießen.

Sie ist aber trotz ihrer schlimmen Vergangenheit ein fröhliches Mädchen, welches das Leben in vollen Zügen genießt.


2. Fortschreiten der Taubheit

Im Alter

Bei vielen Hunden lässt im Alter die Hör- und Sehleistung langsam nach. Dieser Vorgang ist schleichend und wird deshalb anfangs von uns Menschen nicht wahrgenommen. Hunde sind flexible Lebewesen und stellen sich sehr schnell auf die nachlassenden Sinne ein.

Wenn das Mensch-Hund-Team bereits viele Jahre gemeinsam verbracht hat, ist es schon sehr eingespielt und der Tagesablauf fast immer gleich. Somit hat der Hund etwas, worauf der sich verlassen kann.

Aber auch wenn ein alter Hund aus dem Tierheim einzieht, wird es keine Probleme mit einer bereits vorhandenen Taubheit geben. Mit der Weisheit des Alters und der Lebenserfahrung wird der Senior dem Menschen zeigen, was ihm gut tut und was er möchte.

Plagen ihn keine Schmerzen, wird der alte Hund zufrieden sein ruhigeres Leben genießen.

Durch Krankheiten

Hörverlust durch Krankheit entsteht meist durch Entzündungen im Außen- und Mittelohr, z. B. durch eine Verstopfung des Gehörganges durch Entzündungsprodukte, Haare und Ohrenschmalz oder Ergüsse in der Paukenhöhle. In selteneren Fällen können auch Tumore die Schallleitung unterbrechen.

Nicht behandelte Entzündungen/Tumore der Ohren können temporär oder im schlimmsten Fall auch permanent zur Taubheit führen.

Mehr noch als die Taubheit wird den Hund allerdings die damit verbundenen starken Schmerzen quälen.

Auch können bestimmte Medikamente eine giftige Wirkung auf das Ohr haben. Dazu gehören gewisse Antibiotika, Chemotherapeutika, Schwermetalle oder topische (äusserlich angewendete) Desinfektionsmittel.

Vor einer Ohrenbehandlung sollte deshalb immer überprüft werden, ob das Trommelfell intakt ist, um einen Kontakt des Medikaments mit Mittel- und Innenohr zu vermeiden.


3. Plötzliches Eintreten der Taubheit

Ein Hörsturz kann wie bei den Menschen ein Grund für den plötzlichen Verlust des Gehörs sein. Ein Hörsturz kann durch eine Routineuntersuchung in Narkose, wie z.B. für eine Zahnsteinentfernung oder gründliche Ohrenreinigung eintreten. Es wird vermutet, dass durch die Narkose bei einer bereits bestehenden geringen Hörschwäche ein beschleunigter Schub eintritt.

Ein weiterer Grund für den Verlust des Gehörs kann ein kurzes Knalltrauma sein. In der Regel ist dieser Hörverlust nicht permanent.

Ist der Hund längere Zeit lauten Geräuschquellen ausgesetzt, kann der Verlust des Gehörs permanent sein und es besteht die Annahme, dass als Folge auch beim Hund ein Pfeifen (Tinnitus) auftreten kann.

Hier kommt es auf den Gesamtzustand des Hundes an, wie er mit dieser plötzlichen Situation fertig wird. Hunde leiden meist leise und für den Menschen nicht immer erkennbar.

Ganz wichtig ist der gesunde Menschenverstand, der ausschließen sollte, dass Hunde unnötig extremen Lärmquellen ausgesetzt sind. Kein Hund fühlt sich in einer Diskothek oder ähnlichen Örtlichkeiten oder Silvester auf der Straße wohl!